Zeugnisse

In der Rubrik Berichte / Témoignages werden Texte rezensiert, die das Kennenlernen des anderen Landes thematisieren, wie etwa Reiseberichte oder Berichte von Expats, Reportagen, Memoiren von Reisenden und Diplomaten, Briefwechsel, usw. Alle diese Texte zeichnen sich durch ihre – explizite oder implizite – Faktenbasiertheit aus. Ihr authentischer und mehr oder weniger autobiographischer Charakter unterscheidet sie von fiktionalen Texten; ihr beschreibender und erzählender Charakter unterscheidet sie von Essais, in denen ein reflexiv-analytischer Ansatz dominiert.

Die Wahl des Begriffs témoignage (Zeitzeugnis) als französischer Titel der Rubrik bedeutet nicht, dass sie ausschließlich die sogenannte « littérature de témoignage » enthält, eine Literaturform, in der der einzelne Zeitzeuge über sein Erleben bedeutender historischer Ereignisse Zeugnis ablegt, die oft traumatisch und vom Vergessen bedroht sind. Témoignages ist hier zugleich in einem allgemeineren und abgeschwächteren Sinn zu verstehen – nämlich dem des deutschen Berichts: jeder Bericht, der – dem Motto veni, vidi, scripsi folgend – ein Kennenlernen dokumentiert, wie auch immer diese Kontaktaufnahme im Einzelnen aussehen mag.

Die Einordnung in diese Rubrik ist allerdings nicht immer eindeutig: wo gehören etwa fiktionalisierte Zeitzeugenberichte hin? Die unmittelbar nach einem Auslandsaufenthalt verfassten Romane? Essais, die zu weiten Teilen auf persönliche Erfahrungen beruhen? Reportagen, in denen die Reflexion einen besonderen Stellenwert einnimmt? Die Rezensenten werden entscheiden – und begründen – müssen, warum Texte der einen oder der anderen Rubrik zugeordnet worden sind, je nach dem ob eher die tatsächliche Erfahrung, ihre Fiktionalisierung oder aber die sich hieraus ergebende Reflexion im Vordergrund stehen.

Veni, vidi, scripsi: am Anfang war die Erfahrung des jeweils anderen Landes. Die Literatur, die darüber berichtet, ist eine wichtige Quelle für das Verständnis von Gruppenbildern, von images.

Reiseliteratur wurde schon immer auch als Informationsquelle genutzt: liefern nicht Zeugen, die über ein fremdes Land berichten, wahrheitsgemäße Beobachtungen darüber? Anders als bei fiktionalen Texten, von denen man per definitionem annimmt, dass sie die Realität für ihre Zwecke verändern, gilt das Zeugnis derer, die sagen können, „ich war dort“, als ein Wahrheitsversprechen. Der Authentizitätspakt wird spontan als Objektivitätsgarantie interpretiert.

Dieser Glaube muss selbstverständlich hinterfragt werden. Kein Zeugnis, sei es fiktional oder nicht, kann von sich behaupten, im weitesten Sinne objektiv und zutreffend (da unparteiisch und vollständig) zu sein.

Zunächst aus dem Grund, dass die jeweilige Erfahrung des anderen Landes niemals die allererste ist. Reisende setzen ihre Füße in die Fußstapfen einer langen Reihe früherer Reisender, die bereits gesehen und beschrieben haben, was sie gerade selbst entdecken. Niemand reist ohne die geringste Vorstellung der besuchten Gegend und Gesellschaft. Es gibt keinen Flecken auf der Erde, der nicht schon von vererbten Repräsentationen kartiert wurde. Diese zirkulieren und erneuern sich unentwegt. Reisende tragen sie mehr oder weniger bewusst in ihrem mentalen Gepäck mit sich. Die während des Aufenthalts gemachten Eindrücke und Erfahrungen werden mit den vorab gespeicherten Vorstellungen abgeglichen. Diese werden bestätigt, revidiert oder dementiert. Außerdem haben die Reise, der Aufenthalt oder die Auswanderung unterschiedliche Gründe: sie sind beruflich, wissenschaftlich, persönlich motiviert. Die über sie berichtenden Texte tragen auch diesen unterschiedlichen (Erkenntnis-)Interessen Rechnung.

Genau das ist mit der „Konstruktivität“ von Repräsentationen gemeint. Genau das will die Rubrik Témoignages / Berichte erfassen: die vielfältigen historischen, politischen und kulturellen Dimensionen der Bilder des Anderen, die Verwurzelung von Einzelwahrnehmungen im Geflecht tradierter Vorstellungen, aber auch ihre Originalität und gegebenenfalls ihren schöpferischen Charakter bzw. ihren Beitrag zum Wahrnehmungswandel.

Dass Vorstellungen notwendigerweise von einem Vorwissen, von Vor-urteilen, politischen Umständen, ideologischen Orientierungen oder Eigeninteressen geprägt sind, bedeutet nicht, dass man ihren Realitätsgehalt nicht überprüfen kann. Ohne diese Vorstellungen „korrigieren“ zu wollen – das heißt, sie durch eine potentiell richtigere, passendere Vorstellung ersetzen zu wollen –, ist es durchaus erstrebenswert, auf die Unterschiede zwischen eben dieser und anderen möglichen Wahrnehmungen hinzuweisen. Wichtig ist auch, ihren selektiven Charakter und ihre Ausrichtung auf bestimmte oder sich wiederholende Motive zu erfassen.

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